Autor Thema: Die ATL-Geschichte  (Gelesen 3545 mal)

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Offline Matthias M

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Die ATL-Geschichte
« am: Mittwoch, 05.Februar.2014 | 17:38:59 Uhr »
Moin, moin,

seit einiger Zeit recherchiere ich in Sachen bestimmter Boxen und habe dafür auch den Gründer der Firma ATL, Herr Bernhard Mörtl, befragt. Im Laufe des Gespräches äußerte der sich verärgert, was für ein Blödsinn teilweise über sein früheres Unternehmen verbreitet wird.
Ich habe also versprochen, einen Bericht über den Werdegang der Firma ATL zu verfassen. Dazu habe ich auch noch Herr Gerald Gessner, Entwickler für ATL, interviewt. Auch von Norbert Schäfer habe ich ein paar Angaben eingepflegt.

Wer mir sagen kann, wie ich Klaus Dotter zu fassen bekomme, möge das bitte tun; vielleicht mag er ja auch noch ein paar Angaben machen, und die Sache vervollständigen.

Ich habe das Ergebnis inzwischen auch in die New-HiFi-Classic Wiki eingpflegt. Aber vielleicht hat hier ja auch jemand Interesse oder gar qualifizierte Infos!

Die ATL-Geschichte.

In den siebziger Jahren gehörte die Firma Light & Sound (Georgenstr. 85, 8000 München 40) zu den führenden HiFi-Quellen der Stadt München. Beispielsweise hatte das Unternehmen die Boxen der Trentin Lautsprecherwerke exklusiv in ihrem Vertrieb geführt (lt. HIFI JAHRBUCH 8).
Der Geschäftsführer, Walter Höllerich, sei, so berichtet ein Zeitzeuge, einmal von einem Kunden angesprochen worden, es gäbe viel bessere Boxen, als die, die er bereits anbieten könne. Gemeint waren die Kreationen, die Hans Deutsch in Österreich produziert hatte.

Der „Akustikforscher“ Hans Deutsch hatte bereits seit Mitte der sechziger Jahre Boxen gebaut. Noch 1976 führte das HIFI-JAHRBUCH 8 fünf Modelle der Hans Deutsch GmbH & Co. KG (Bachstr. 9/I, 5020 Salzburg), im Vertrieb der J.W. Audio-Repräsentanzen von Josef Wetz, auf.
Auch im HIFI-JAHRBUCH 9 von 1978 war die High Fidelity Lautsprecherbau Hans Deutsch GmbH & Co. KG noch mit vier Boxen im Vertrieb der nun JWS Audio System (Waldstr. 122, 6050 Offenbach) des Herrn Wetz präsent, die ansonsten hauptsächlich Audio Technica vertrat.

Ein Zeitzeuge, Gert Redlich (http://www.hifimuseum.de/1121.html), berichtet von einer Begegnung mit Hans Deutsch auf einer Messe, bei der er ihm sein Leid geklagt hätte. Man „habe ihm seine Firma gestohlen, geklaut mit ein paar linken Tricks.
JWS hatte den Salzburger Betrieb wohl gänzlich übernommen; sie bot noch Anfang der achtziger Jahre die JW Poseidon SII (HIFI-JAHRBUCH 11, Test in STEREOPLAY 11/82) an. Dabei handelt es sich offensichtlich um eine Nachfolgerin der originalen Hans Deutsch Poseidon, die durch den „Tiefpassfilter“ („akustische Frequenzweiche“), in Form eines Brettes vor dem Tieftöner, noch als Entwicklung der siebziger Jahren-Generation kenntlich ist.

In der Folge der Empfehlung des Kunden kam es zu einem Termin und zu einem Gespräch von Hans Deutsch bei Light & Sound. Und schließlich kam man überein, die Boxen der Marke „Hans Deutsch“ exklusiv zu vertreiben. Hans Deutsch sollte seine Entwicklungen liefern und in München würden daraus die fertigen Lautsprecherboxen entstehen. Für deren Vertrieb sollte extra eine Firma Atlantic gegründet werden.

Bernhard Mörtl, später Vertriebsleiter der Atlantic, weiß zu berichten, der Firmenname sei entstanden, weil Hans Deutsch prognostiziert hatte, seine Erfindungen würden bald diesseits und jenseits des Atlantik den Standard setzen.

Die Meldung über die Zusammenarbeit mag manchen Redakteur verwirrt haben. Jedenfalls berichtete die KLANGBILD noch im Februar 1979 in ihren Nachrichten, JWS hätte den Vertrieb von Hans Deutsch-Boxen aufgegeben, der nun von Atlantic übernommen sei.
Sind halbe Wahrheiten auch Wahrheiten?

Die HÖRERLEBNIS (Nr. 84) stellt den Beginn der Zusammenarbeit in dem Portrait über Hans Deutsch nur geringfügig anders da:
... Als Einzelkämpfer an so breiter Front kann man nicht alles das erreichen, was man sich wünscht. Hans Deutsch sucht nun Kooperationspartner. (…) 1976 lernt er Uwe Trenntin (Light and Sound) kennen. Das Team ergänzt Dr. Schmalisch, der das Management übernimmt. Mit der gemeinsamen Firma ATL stellt sich schließlich der internationale Erfolg ein.
Eigentlich hätte das Unternehmen Atlantic heißen sollen. Doch hatte das gleichnamige amerikanische Label rechtlichen Einspruch eingelegt. ...
“ (http://hans-deutsch-akustikforschung.com/pics/hoererlebnis84.pdf)

Tatsache ist, diverse Boxen aus der Münchner Zeit ziert rückwärtig die Marke „Atlantic“, und auch in dem HIFI-JAHRBUCH 9 und 10 wird eine atlantic Lautsprecher GmbH Vertriebsgesellschaft (Sendlinger-Tor-Platz 8, 8000 München 2) unter den „Hersteller- und Vertriebsfirmen“ geführt.

Auf den Typenschildern der Atlantik-Boxen war außerdem zu lesen "Der Ohriginalsound. Entwickelt und konstruiert von Akustikforscher Hans Deutsch" Jedes Typenschild versprach zudem, diese Box sei „... getestet und freigegeben von Hans Deutsch.

Freilich hatte der Name Atlantic nicht lange Bestand.
Als die Arcus TM85 im Jahre 1981 ihren Siegeszug begann, war auch Bernhrd Mörtl klar, man könne nicht mit dem bisherigen Design weiter machen, bräuchte etwas „Modernes“, wie es die Berliner bieten konnten.

Als ersten Schritt der „Modernisierung“ konnte man bald „ATL / Hans Deutsch“ auf den Typenschildern der Münchner Lautsprecherboxen lesen. Das Akronym „ATL“ war eine Idee einer Düsseldorfer Werbeagentur gewesen: „lassen wir das „antic“ weg“, soll deren Vorschlag gelautet haben.
Das Design wurde gestrafft und die oft kritisierten Schallablenker für die „Indirektion“ verschwanden aus den Modellen 001, 002, 003 und 004 und eine neue Geräte-Generation wurde mit den Typen HD205 und HD308 (HiFi-Jahrbuch 11) vorgestellt, bei der der sogenannte „Hornresonator“ (http://www.hans-deutsch.de/html/klang.html) auch zum stilistisch dominierenden Merkmal der Boxen wurde.
Zudem verschwanden zunächst die Eigennamen aus der Nomenklatur und die neuen Boxen bekamen das charakteristische „HD“, für „Hans Deutsch“, der Zählung voran gestellt, die sich künftig aus dem 300er Nummernkreis rekrutieren sollte.

Der Firmenname wurde also im Frühjahr 1982 zu ATL Atlantic Lautsprecher GmbH, unter der bekannten Adresse, gewandelt, wie sich auch aus dem Anhang des HIFI-JAHRBUCH 11 entnehmen lässt.
Hierbei handelte es sich aber nur um einen Zwischenschritt. Tatsächlich sollte die Gesellschaft bald auslaufen und gründete Bernhard Mörtl an ihrer Stelle, zum Dezember 1982, die eigene ATL Lautsprecher GmbH Vertriebsgesellschaft (Moosacher Str. 26, 8000 München 40, HRB 70164). Er übernahm den Lagerbestand, samt Lagerleiter, und vereinbarte mit Hans Deutsch dessen freie Mitarbeit, samt einer Honorierung auf der Basis einer Umsatzbeteiligung.

Schon 1983 erschien der erste neue Prospekt (http://wegavision.pytalhost.com/atl8x/) aus dem die Typen der siebziger Jahre-Generation endgültig verschwunden waren. Stattdessen präsentierte die ATL eine komplette Serie aus sechs Lautsprecher-Boxen der HD-Generation.

Neben dem obligatorischen Hornresonator war ein weiteres Charakteristikum der Hans Deutsch-Boxen die Beschränkung auf eine technisch recht einfach aufgebaute Frequenzweiche. Der Entwickler vertritt die Überzeugung, mit seiner „akustisch-aktiven Frequenzweiche“ (http://www.hans-deutsch-akustikforschung.com/aap_deutsch.html), die sich aus dem Gehäuseaufbau ergibt, ließen sich negative Einflüsse einer Elektronik auf den Klang minimieren. Aus dieser Überzeugung resultiert auch der weitgehende Verzicht auf eine Gehäusedämmung bei seinen Boxen.
Seine Theorien sind umstritten, was aber immer auch zur Bekanntheit von Hans Deutsch beigetragen hat.

Der Start der neuen ATL war jedenfalls erfolgreich. Die Modellpalette wuchs und die Umsätze stiegen entsprechend.
Erst nach fünf bis sechs Jahren begann das Geschäft zu stagnieren. Einerseits kamen aus der österreichischen Werkstatt des Akustikforschers keine wirklichen Neuheiten mehr und trafen die Neuerungen, die eingeführt wurden, nicht den Nerv der Kundschaft. Andererseits gab es auch Irritationen um den Auftritt des Meisters, der schon mal zur Auslieferung seiner Boxen an Händler zur Geige gegriffen oder gesungen hatte. Was zur Vorstellung einer neuen Entwicklung für die KLANGBILD (8/81), als Vergleich von Original und Reproduktion, passend gewesen sein mag, entsprach aber eben nicht unbedingt dem, was sich das Marketing eines Herstellers vorstellte, der von Serien-Produkten lebte.

Der Zufall brachte es mit sich, das Bernhard Mörtl auf der Weihnachtsfeier der HIFI-VISION im Winter 1987 auf Klaus Dotter traf, der bei Canton die Nachfolge von Wolfgang Seikritt als Entwicklungsleiter angetreten hatte. Der dachte über seine Zukunft bei Canton nach, und Bernhard Mörtl begann darüber nachzudenken, ob nicht eine ganz neue Boxen-Generation das ATL-Programm beleben könne.
Eine Besprechung mit dem eigenen Vertrieb kam zu dem Ergebnis, eine neue Serie könne den Umsatz beflügeln. Das Resultat war die Gründung der ATL Elektro-Akustik Vertriebs GmbH (Benzstraße 20, 82178 Puchheim), zu der Klaus Georg Dotter, mit Gesellschafter-Vertrag vom 15.12.1988, als Geschäftsführer berufen wurde (Amtsgericht München, HRB 86723, veröffentlicht am 29.3.1989).

Sicher hatte die Konkurrenz im „eigenen Hause“ die Motivation von Hans Deutsch nicht sonderlich beflügelt. Auch drückte der sinkende Umsatz auf die Stimmung aller Beteiligten. Die Trennung der ATL von Hans Deutsch erfolgte fast automatisch. Der Vertrieb der Hans Deutsch-Boxen wurde 1989 eingestellt. Hans Deutsch hatte bereits zum Anfang 1989 die eigene Hans Deutsch Lautsprecher GmbH (Schulstraße 1, Surheim) gegründet, die von seiner Tochter Marlene geführt wurde.
Hier erschienen dann auch gleich die ersten neuen Entwicklungen aus Österreich, auf die die ATL so lange gewartet hatte. Die „Fundamental Töner-Technik“ genannten regelbaren Subwoofer zu der M-Serie, die bereits mit der Antares bei ATL begonnen worden war, stießen in Testberichten wieder auf Gegenliebe.

Nach der Abwicklung der ATL Lautsprecher GmbH Vertriebsgesellschaft, die zum Ende 1989 ihren Betrieb einstellte (Löschung am 5.11.1991 vom Amtsgericht München veröffentlicht), übernahm Bernhard Mörtl, im Sommer 1990, die ATL Elektro-Akustik Vertriebs GmbH.
Der sollte es mit ihrem Erfolg zunächst gelingen, die Vorgänger-Firmen zu überflügeln. „Kaufbare Ware“ zu produzieren, war ihr Credo, auf das sich Bernhard Mörtl, als Geschäftsführer, und Klaus Dotter, als Entwicklungsleiter, geeinigt hatten. Das sollte jedoch nicht zu Lasten der Qualität gehen, wie zahlreiche positive Testberichte in den folgenden Jahren belegen.

Zunächst verwendete Klaus Dotter Hochtöner mit Metall-Kalotte aus dem Hause Seitz. Später wechselte er auf Gewebe-Kalotten. Die Lieferanten für Mittel- und für die Tieftöner mit Polypropylen-Membranen waren bekannte europäische Hersteller, die Frequenzweichen wurden bei ETM und, weiterhin in eigener Handarbeit, in Gilching gefertigt. Zu Recht konnten die ATL-Boxen das Label „Made in Germany“ tragen, denn sogar die Gehäuse kamen aus Deutschland.

Die Basis des neuen Programms bildete zunächst die Pro-Line, die mit vier Modellen (701 Pro, 705 Pro, 707 Pro und 709 Pro) startete. Diese wurde durch eine Standard-Serie von einfacherem Finish ergänzt, deren Boxen teils auch mit dem Suffix „Pro“ bezeichnet worden waren. Unterscheiden kann man die „echten“ Pro-Line Boxen von der Standard-Serie durch ihre abgeschrängten Gehäuse-Kanten, die eine „Brechung der Schallwellen“ (Stereo 9/89) verhindern soll.
Diese neuen Geräte erhielten alle eine Bezeichnung aus dem 700er Nummernkreis und verkauften sich zunächst sehr gut. Es soll der ATL sogar einmal gelungen sein, im GfK-Ranking (Gesellschaft für Konsumforschung) unter die ersten zehn der Umsatz-stärksten Marken für Lautsprecherboxen in Deutschland zu kommen.

Nur kurz nach dem Neuanfang der ATL war es, anlässlich einer Vorstellung der neuen Boxen für ein Fachmagazin, zu einem Gespräch im Verlag gekommen, in dessen Verlauf Bernhard Mörtl erfuhr, eine etablierte Highend-Firma suche nach einem Partner.
Dr. Hans-Joachim Rebmann, Haupt-Anteilseigner und Geschäftsführer der Phonogen Lautsprechersysteme GmbH (Kirchhalde 19, Großbettlingen),wollte sich von seiner Mehrheitsbeteiligung trennen. Phonogen war die Firma, die in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre mit den von Norbert Schäfer entwickelten Exponential-Hörnern aus Beton Furore gemacht hatte.

Mit dem Ziel, deren Programm zu integrieren, wurde die ATL die neue Eigentümerin von Phonogen und Norbert Schäfer freier Mitarbeiter bei ATL.
Die Hoch- und Tieftöner der Boxen, die bislang außer Haus gebaut worden waren, fertigte ihr Erfinder, Norbert Schäfer, nun selber und lieferte sie an die ATL, die die Lautsprecher, zusammen mit von Nokia gelieferten Mitteltönern der Serie LPM100, zu fertigen Lautsprecherboxen komplettierte. Im Sommer 1989 sollte die Trans-Line bei ATL verfügbar werden.

Die Testberichte für die Boxen der Trans-Serie waren überragend. Das erfolgreichste Produkt blieb die Transfer, die schon bei Phonogen eingeführt und von der AUDIO (12/87) zur „Superbox“ gekürt worden war. Sie erhielt bei ATL eine kleine und zwei größerer Schwestern. Dem Spitzenmodell Transmaster gelang wiederum der Einzug in die „Referenzklasse“ der AUDIO.

Zusätzlich entstand zum Ende 1990, unter dem geschützten Namen „Avantgarde“, eine neue Boxen-Reihe von Klaus Dotter, die durch ihr besonderes Design, aber auch durch besonders hochwertige Verarbeitung auffiel.

Und auch Norbert Schäfer stellte seinem Auftraggeber 1991 eine neue Entwicklung vor. Er hatte schon immer auch auf ein stimmiges Design Wert gelegt. Mit seiner Box Skulptor, der 1992 gegründeten Design-Akustik Schäfer, hatte der Physiker im Jahre 1993 sogar einen Design-Preis errungen.
So präsentierte sich auch seine neue Kreation für ATL Design-orientiert: schlank, Fugen-los gearbeitet, ohne sichtbare Verschraubungen an den Chassis und mit seitlich eingesetztem, im Paar gegensinnig angeordneten Tieftönern.
Die Boxen wurden in Zusammenarbeit von Norbert Schäfer und Klaus Dotter abgestimmt und erschienen im Jahre 1992 als ATL 911. Ein größeres Modell, die 921, befand sich zwar schon in der Entwicklung, wurde aber nicht mehr realisiert.

Auch die 700er Serie sollte durch Design-orientierte Modelle ergänzt werden, die, analog zu der 911, durch eine schmale Front und die Verlagerung des Tieftöners an die Seite, auffielen. Die Reihe Slim-Line wurde konzipiert.

Doch mitten in der Entwicklung dieser Typen verließ Klaus Dotter im Jahre 1993 die ATL, aus persönlichen Gründen, und ging später zu Sony. Dort repräsentierte er, wie es die STEREOPLAY (11/2010) ausdrückte, das „europäische Ohr“, und entwickelte nach hiesigen Gewohnheiten abgestimmte Lautsprecherboxen für den Konzern.
Seit der Schließung des Werkes in Fellbach, im Jahre 2003, ist der passionierte Klavierspieler Privatier.

Sein Nachfolger als Entwicklungsleiter bei ATL wurde der Dipl.Ing. Gerald Gessner, den Bernhard Mörtl als freien Mitarbeiter verpflichtete. Gessner ist heute vor allem durch seine Arbeit für die Akustik-Systeme der BMW M-Fahrzeuge und von einigen Rolls Royce-Typen bekannt.
Er entwickelte die Protoypen der neuen 700er Serie mit dem Suffix „S“, für „Slim-Line“, zur Serienreife weiter.
Als technische Neuerung erhielt die Reihe einen Tieftöner mit Papier-Membran. Die „S“ wurden zu den ersten Serien-Boxen in Deutschland, die in allen RAL-Farben lackiert bestellt werden konnten.

Der größte Teil der Produktion von ATL blieb im Inland. Ein Export in die europäischen Nachbarländer und nach Asien fand zwar statt, wurde aber nicht forciert. Lediglich die Trans-Line erhielt eine größere Aufmerksamkeit in Japan, Korea und in Taiwan.

Bis Ende 1993 waren bei ATL um 1.500 Stück Boxen aus der Feder von Norbert Schäfer entstanden. Die Kosten für die Übernahme der Phonogen und für die Herstellung der Geräte hatte der Verkauf der Produkte dieser Serie aber nicht decken können.
Neben dem beschränkten Kundenkreis für derartige Lautsprecherboxen war vor allem die hohe Ausfallrate der Hoch- und der Tieftöner, dafür verantwortlich, das die Zahlen am Ende nicht stimmten.
Zudem hatten auch die Verkäufe der Pro-Line deutlich nachgelassen. Die Boxen brauchten sich zwar weder qualitativ noch preislich hinter den Mitbewerbern zu verstecken, doch war der Konkurrenzkampf unter den Herstellern härter geworden, was zu immer kleineren Margen führte. Zudem litten die Münchner Boxen in der Vorführung beim Händler unter einem ganz praktischen Problem: Der schlechtere Wirkungsrad der mit schwereren PP-Membranen ausgestatteten Tieftöner der ersten 700er Generation, hatte im direkten Vergleich, am Umschaltpult des Händlers, dafür gesorgt, das die ATL leiser spielten, als die Konkurrenten. Die Folge war, wie Herr Gessner es ausdrückt: „Wer lauter spielt, der verkauft.

Auch die neuen Slim-Line-Boxen konnten das entstehende Loch nicht stopfen. Die Beschränkung auf die sehr schmale Bauform sorgte dafür, das in der vorderen Schallwand zunächst lediglich Chassis mit bis zu zehn Zentimetern eingesetzt werden konnte, was die konstruktiven und auch einkäuferischen Möglichkeiten einschränkte.
Vor allem aber führte die seitliche Anordnung des Tieftöners dazu, daß sich diese Boxen in den Vorführ-Studios der großen Märkte kaum durchsetzen konnten: Sie standen dort in einer eng gedrängten Reihe mit den Mitbewerbern an die Wand gepresst, so daß der Kunde die seitlich eingesetzten Tieföner weder sehen noch richtig hören konnte. Die Bässe der nach vorn abstrahlenden Boxen klangen in solcher Situation präsenter. Man mag sich das Verkaufsgespräch vorstellen, in dem der Händler darauf hinwies, man dürfe die ATL nicht direkt neben die Wohnzimmer-Möbel stellen.

Am Ende reichte der Umsatz nicht und die ATL war im Jahre 1994 gezwungen, einen Vergleich zu schließen, um einen Konkurs abzuwenden.
Die ATL Elektro-Akustik Vertriebs GmbH, die angetreten war, einmal eine bedeutende Größe unter den deutschen Lautsprecher-Marken zu werden, stellte den Betrieb ein.

Am 17.03.2001 veröffentlichte das Amtsgericht München die Löschung der unter der Registernummer HRB 86723 eingetragenen GmbH.

Zwar gestattete Bernhard Mörtl einem der Gehäuse-Lieferanten die Verwendung des Namens „ATL“, doch ist es dazu wohl nicht mehr gekommen.

Die Rechte an der Boxen-Familie Trans hatte die ATL wohl zusammen mit der Phonogen übernommen, was erklären könnte, das es bis 1999 dauern sollte, bis Norbert Schäfer, zusammen mit dem Ingenieur Joachim Zürn, die Translife GmbH gründete, und eine dritte Generation Trans-Boxen auf den Markt brachte.

Die Boxen der TEC-Typenreihe, die unter dem Namen „ATL“ erschienen sind, haben mit den Firmen ATL in München nichts zu tun. Ebenso wenig die „ATL“-Boxen, die eine Akustik Ton Lemgo Ende der siebziger Jahre im Angebot gehabt hatte; näheres zu denen kann man im fono report der FONO FORUM vom April 1978 lesen.


Nachwort
Diese Vorstellung der Geschichte der Firmen ATL resultiert aus Gesprächen, zu diesem Thema, mit Herrn Bernhard Mörtl und Herrn Gerald Gessner zu Jahresbeginn 2014, sowie aus Informationen aus den im Text genannten Quellen. Außerdem habe ich Kenntnisse aus Gesprächen, in anderer Sache, mit den Herren Norbert Schäfer, Achim Schäfer und Joachim Zürn, zwischen 2011 und 2013, eingebracht.
Wer Fehler entdeckt oder wer Informationen hinzu fügen möchte, der spreche mich gerne an.


Produkte

Atlantic
-Pedro Lume 001 (HiFiJB 9, HiFiJB 10, Hobby JB80, Stereo LS HB 81/82)
-Barbados 002 (HiFiJB 9, HiFiJB 10, Hobby JB80, Stereo LS HB 81/82)
-Porto Santo 003 (HiFiJB 9, HiFiJB 10, Hobby JB80, Stereo LS HB 81/82)
-Santo Domingo 004 (HiFiJB 9, HiFiJB 10, Hobby JB80, Stereo LS HB 81/82, Klang+Bild 7/81)
-Skyline 050 (HiFiJB 10, Stereo LS HB 81/82, HiFi Stereophonie 6/80 + TJB 81/82)

ATL/Hans Deutsch
-001 (HiFi JB 11)
-002 (HiFi JB 11)
-003 (HiFi JB 11)
-004 (HiFi JB 11)
-HD205 (HiFi JB 11)
-HD308 (HiFi JB 11, Stereoplay 9/82)

ATL Lautsprecher
-HD304 (Audio 8/87)
-HD304S
-HD305 (HiFi JB 11)
-HD306 (HiFi JB 12)
-HD306S (Audio 6/88)
(HD307 (Stereoplay 9/90))
-HD308 (HiFi JB 11, Stereoplay 9/82)
-HD308i (HiFi JB 12)
-HD308S (Stereo 1/88)
-HD309 (Audio 10/88)
-HD310 (HiFi Vision 8/85)
-HD310i (HiFi JB 12, HiFi Vision 8/85 und 12/86)
-HD310S
-HD311
-HD312  (HiFi JB 12, Stereoplay 11/83)
-HD312S (Stereo 2/87)
-HD313
-HD314
-HD314i (HiFi JB 12, HiFi Vision 11/85)
-HD316
-HD318
-Dell'Arte 220
-Dell'Arte 240 (Stereoplay 1/83, Stereoplay 1/86)
-Antares (HiFi Vision 4/87)

ATL Elektroakustik
Standard-Serie und Pro-Line:
-701 Pro (HiFi Vision 7/91)
-702
-703
-704 Pro (Audio 8/89)
-705 Pro (HiFi Vision 12/90, Stereoplay 3/93)
-706 Pro (Stereoplay 10/89)
-707 Pro (HiFi Vision 9/89)
-707/II Pro (Audio 3/91, Stereoplay 9/91)
-708 Pro
-709 Pro (HiFi Vision 10/91)
-710 Pro
-711 Pro (Stereo 9/89)
-712 Pro (HiFi Vision 7/89)
-715 Pro
-719 Pro (Stereo 7/90)
Slim-Line:
-701 S
-703 S
-705 S
-707 S
-709 S (HiFi Vision 12/93)
-711 S
-712 S
-715 S
Trans-Line:
-Translife (HiFi Exklusiv 2/90, Audio 5/90)
-Transfer (Audio 3/90)
-Transart
-Transmaster (Audio 12/90)
Avantgarde-Serie: (Stereoplay 12/90)
-Celebration (Stereo 4/91)
-Sensation
-Variation
-Temptation
-Ovation
Sonstige:
-911 (Audio 8/92)

Die in Klammern genannten Publikationen thematisieren die Boxen, denen sie zugeordnet sind, in Form von Kurzvorstellungen mit Technischen Daten oder Testberichten.
Die Nennung mag bei der Datierung der Boxen helfen; man beachte dabei, der Jahrgang der Jahrbücher („JB“) folgt in der Regel auf das Jahr des Redaktionsschlusses. Wenn also eine Erwähnung im HiFi Jahrbuch 11 (HiFi JB 11) von 1982 erfolgt, dann wurde dem Verlag das Produkt vom Hersteller / Distributor in der Regel im Vorjahr als Teil des Programms gemeldet.
Das trifft in ähnlicher Weise auf die „Test-Jahrbucher“ (TJB) der HiFi-Stereophonie oder die „Lautsprecher Handbücher“ (LS HB) der Stereo zu., die die Testberichte aus den Magazinen des Vorjahres sammeln.

Tschüß, Matthias
« Letzte Änderung: Freitag, 25.September.2015 | 13:48:18 Uhr von Matthias M »
"Den guten Tonabnehmer erkennt man daran, daß er bei einem Auflagegewicht von höchstens zehn Gramm auch bei stärksten Bässen nicht entgleist und nicht klirrt." (Fono Forum 3/53)

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Re: Die ATL-Geschichte
« Antwort #1 am: Donnerstag, 06.Februar.2014 | 21:18:13 Uhr »
 .,a015 Matthias, der HIFI-Verrückte; das trifft´s auf den Punkt!

Bin begeistert, setzen 1+  :Bar:
Ich habe noch 2-3 versch. Hans-Deutschpaare auf meinem HIFI-Dachboden.
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Offline frank1391

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Re: Die ATL-Geschichte
« Antwort #2 am: Donnerstag, 06.Februar.2014 | 21:44:00 Uhr »
Gestern gelesen und heute zum 2ten mal.

Klasse Matthias, danke!

Offline Matthias M

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Re: Die ATL-Geschichte
« Antwort #3 am: Freitag, 26.September.2014 | 16:30:31 Uhr »
Moin, moin,

diese "Geschichte" hat einen ersten Ableger bekommen http://forum2.magnetofon.de/board13-verst%C3%A4rker-phono-decks/board43-test-und-vorstellungen/15860-genial-einfach-einfach-genial-oder-wahnsinn/.

Ein zweiter wird folgen.

Tschüß, Matthias
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Re: Die ATL-Geschichte
« Antwort #4 am: Sonntag, 28.September.2014 | 13:46:37 Uhr »
Respekt Matthias,......RESPEKT. Ein Grund mehr nach meinem Uelaub die H. Deutsch rauszukramen und anzuschliessen.
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Offline m_ETUS_alem

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Re: Die ATL-Geschichte
« Antwort #5 am: Montag, 29.September.2014 | 14:27:38 Uhr »
Superklasse Bericht  :_good_: :_good_: :_good_:
Bin begeistert

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