Autor Thema: Der Letzte seiner Art - Grundig CN-1000  (Gelesen 7604 mal)

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Offline Matthias M

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Der Letzte seiner Art - Grundig CN-1000
« am: Montag, 17.März.2008 | 22:56:02 Uhr »
Der Name Grundig dürfte für viele von denen, die an diesem Thread vorbeiziehen, noch nicht vollkommen vergessen sein: Etwas von Grundig stand nämlich ehemals in jedem Haushalt, zumindest bei Jemandem, den man kannte, hing in jedem Bahnhof und Flughafen und an so mancher Kreuzung.
Und Grundig gehörte zu den wenigen Firmen in Deutschland, die Kassettenrecorder anboten, dabei auch noch selber entwickelten und produzierten.

Bis in die frühen Siebziger Jahre war die Rollenverteilung der Phono-Ausstattung klar: Gekaufte Musikkonserven hörte man mit dem Plattenspieler ab, geliehene mit dem Radio. Das Aufnahmegerät – und das war bis dato die Bandmaschine - war für die Aufnahme da! Koffergeräte waren Trumpf, damit man draußen jagen konnte, kleine und leichte Geräte waren wichtig, damit man mobil blieb, Mikrofoneingang, Projektorensteuerung, Misch- und Trickmöglichkeiten gehörten dazu.
Und Kassetten-Bandgeräte? Bis Mitte der Siebziger Jahre war die Stärke der Kassette keinesfalls die mit ihr erreichbare Qualität, vielmehr ihre leichte und schnelle Bedienbarkeit, geringe Größe und Gewicht. Diese Attribute verschafften der Kassette enorme Wachstumsraten. Grundig baute mobile Geräte und für Zuhause kleine, schmale, von oben bedienbare Kassettendecks, die man ohne großen Aufwand neben vorhandene Steuergeräte oder Plattenspieler stellen oder in das Gehäuse einer Stereo-Anlage einbauen konnte. Highend versuchten die Fürther nicht einmal. Warum auch? Die Kassette war dafür nicht gedacht, dafür hatte man weiterhin die Bandmaschine. Also waren die Grundig-Recorder für einfache Ansprüche gemacht und forderten auch in der Bedienung nicht viel von ihren Besitzern: Automatismen waren Trumpf. Kassettengeräte sollten neue Kundenkreise erschließen, nicht zahlungswilliges Klientel in das billigere Kassetten-Segment abziehen.

Grundig ging es gut. Die Umsätze der Heim-HiFi Sparte stiegen in den Siebziger Jahren ebenso, wie die Gewinne. Man beschränkte sich auf Steuergeräte, Boxen und Aufzeichnungsgeräte, verkaufte zudem zugekaufte Plattenspieler. Mitte der Siebziger Jahre eine neue Geräte-Generation fällig: Die großartige Bandmaschine TS-1000 steckte das Feld ab. Mit Aktiv-Boxen untermauerte Grundig seinen Anspruch weiterhin moderne Technik auch einem breiten Publikum anbieten zu wollen. Bald schob man auch die modernen Stereo-Receiver R20, R30 und R40 nach, die die RTV ablösten.
Im Bereich des Kassettendecks fuhr Grundig zweigleisig: Während das wohl bei Sanyo zugekaufte CNF-350 und das selbst produzierte CNF-300 dem neuen Trend gestapelter Stereo-Anlagen für den eher passiven Musikkonsumenten folgten, sollte der neue CN-1000 Dolby HiFi, in Technik und Design ganz auf die ambitionierte Bandmaschine TS-1000 abgestimmt, dem engagierten Hobby-Tonmeister als Werkzeug dienen.



Von außen einstellbares BIAS, Azimuth oder Dolby-Level, Hinterbandkontrolle, Drei-Motoren-Antrieb oder Dual-Capstan fand man bei dem Grundig nicht. Dafür ein ergonomisches Pultdesign mit 4-Kanal Mischpult, Dia-Pilottonkopf, Fußschalter im Zubehör, Cueingeinrichtung und praktischen, steckbaren Achsverlängerungen zum manuellen Rangieren der Kassette. Der Highend-Freak brauchte das alles nicht. Der sollte freilich die TS-1000 kaufen.

Die Dragon-Jünger-Enkel (*) sollten bei der Bewertung eines CN-1000 eines nicht vergessen: Als der Grundig auf den Markt kam, war Reineisen-Band allenfalls im Erprobungsstadium, boten Kassetten durchschnittlich einen Frequenzgang bis 12.000 Herz und litten dabei oft unter großen Serienschwankungen, hatten Kassettendecks Aufnahme-Wiedergabe-Kombiköpfe zu haben, weil das der Standard der Compact Cassette so vorsah, und der in einem Gehäuse kombinierte Kopf mit getrennten Systemen noch nicht erfunden war. „Dolby“ bedeutete nicht „Raumklang“, sondern „B“ ohne jede Ziffer dahinter und seine Urlaubsbilder sah man nicht auf dem Computer-Monitor oder Handy-Display, sondern per Dia- oder Super-8-Film-Projektion auf der Leinwand an.
Solche Shows zu vertonen war vielen Menschen mehr wert, als der in der praktischen Alltagserfahrung eher zweifelhafte Nutzen eines Doppel-Capstan-Antriebes. Zumal all die Heimwerkersendungen auf allen drei Programmen im Fernsehen unentwegt Tipps zum Selbst-Vertonen der Diashow, die Volkshochschulen Kurse für Schnitt und Vertonung des Heimkinoprogramms anboten und selbst das hobby-Magazin Artikel zum Selbstbau von Projektionsmöbeln für das Wohnzimmer anboten.
Wer diesen Grundig verstehen will, der darf nicht in erster Linie seine technischen Daten vergleichen. Vielmehr sollte er dieses Gerät einmal in die Hand nehmen und damit spielen, vielleicht sogar arbeiten. Das geht übrigens heute noch. Denn im Vergleich zu so manch jüngerem Highend Tasten-Monster scheinen von den CN-1000 deutlich weniger Exemplare konstruktionsbedingt dahin gerafft worden zu sein.

Als ich meine erste Begegnung mit dem CN1000 hatte, leierte bei mir zu Hause ein Toplader mit Frontbedienung aus dem Neckermann-Katalog, der sich resistent gegen alle Versuche der Werkstatt „um die Ecke“ zeigte, seinen Kassettenverschleiß auf ein Schüler-finanzierbares Maß zu drücken. Und der schwarze Vollplastik-Radiorecorder (Mono) aus einem Fürther Versandkatalog zeigte sich keinesfalls geeignet – so zumindest die Meinung gequälter Lehrer – Schülerparties zu beschallen. Etwas Neues mußte her.
Da seit der Anschaffung einer TK-845 durch meinen älteren Bruder immer ein Grundig-Katalog griffbereit lag, machte mir schon die Präsentation im Prospekt deutlich, welches Gerät ich zu wollen hätte. Übrigens war der ebenso vorhandene Technics-Katalog nicht in der Lage, derart klar artikulierte Wünsche zu wecken! Was ein zweiseitiges Bild doch so anrichten kann.



Allerdings war auch das Lastenheft eindeutig formuliert. Seit die schon erwähnte TK845 Familienmitglied geworden war, entstanden mit ihr neben Film-Vertonungen vor allem eigene „Radiosendungen“, die aus Zuspielungen eines Plattenspielers und Mikrofoneinblendungen gemischt wurden. Klar, daß das neue Gerät eben dazu in der Lage sein sollte, was der große Bruder schon konnte.
Als der CN-1000 einzog bewies er, daß er konnte! Eine Bruns Rubin (RFT Ziphonia 523) „Stereoschallplattenwiedergabeanlage“ direkt angeschlossen, als zweites Gerät entweder ein Paar alter Beyer Mikrofone oder der abgelegte silberne Plastik-Philips Plattenspieler (http://philips.pytalhost.com/philips75/philips75-040.jpg mit einem Stapel leerer Kassettenhüllen auf dem Tonarm zur „Optimierung“ der Auflagekraft) des Bruders angeschlossen, und es wurde los-gemischt.



Den Verstärker schaltete man in der Mitte der Siebziger Jahre ein. Oder aus, regelte vielleicht noch die Lautstärke und wählte die Quelle; mehr tat man daran nicht. Für ambitionierte Wellenreiter gab es spezielle Weltempfänger.  Die Skalen der HiFi-Tuner schrumpften daher seit der Röhrenradio-Zeit kontinuierlich. Auch hier ging es primär ums Einschalten, Ausschalten und Festsenderspeicher-Taste drücken. Mehr nicht.
Wirklich beschäftigen tat sich der ambitionierte Stereo-Fan mit dem Plattenspieler: Haube öffnen, Platte auflegen, Motor anwerfen, etwas Entfusselndes über die Platte schleifen lassen, mit etwas Pinseligem am Tonabnehmer kratzen, Drehzahl einstellen, vielleicht noch etwas am Pitch drehen,  wenn's geht auch an Antiskating und Auflagekraft justieren, den Tonarmlift betätigen, den Tonarm verschieben, wieder den Tonarmlift betätigen, gespannt mit der Nase über der Rille beobachten, ob die Nadel richtig sitzt und ob kleine Flöckchen mit der Scheibe drehen, eventuell dann nochmal den Tonarmlift betätigen und schnell wieder das zum Mitschleifen oder zum Kratzen benutzen, wieder den Tonarmlift betätigen, die Haube schließen, bedauern, daß das Ritual beendet scheint, sich als Herrscher der Maschine fühlen und schon auf den Seitenwechsel freuen. Ganz mächtige Männer besaßen zusätzlich einen Mitlaufbesen.
Natürlich muß ein solches Gerät von oben bedient werden, damit man nicht vor seinem Untertan knien oder zu ihm aufschauen muß! Aus dem selben Grund waren natürlich auch Kassettendecks Toplader. In Europa, genauso wie in Japan. Vielleicht aber auch nur, weil es ergonomischer ist, im Sitzen den Handballen vor die Tasten und Regler legen zu können, anstatt angespannt mit frei schwebenden Armen vor seinem Aufnahmegerät zu hocken, während noch die Verkehrsdurchsage läuft.



Bei dem Grundig kann man den Handballen auflegen. Egal, ob man Mischpult oder Laufwerkstasten bedient, es lassen sich alle Bedienungselemente bequem erreichen. Alle sind angenehm groß. Die elektronischen Tipptasten reagieren schnell und melden ihre Funktion per roter LED zurück, die Flachbahnregler laufen souverän und die Knebelschalter sind griffig und melden durch ihre Position, zum Teil auch durch zugeordnete LEDs, weithin sichtbar die eingestellte Funktion.



Die Oberfläche des Grundig faßt sich nicht etwa nach billigem Plastik an. Auch nicht nach gutem Plastik. Bei dem Grundig denkt man überhaupt nicht darüber nach, mit welchem Material man arbeitet. Es ist egal. Perfekt verarbeitet, angenehm anzufassen und hochwertig, fast metallisch, aber nicht kalt. Ganz im Gegensatz zu vielen Kunststoff-Oberflächen, die nach wiederholtem Fingerkontakt zu Verfärbungen neigen, sieht mein achtsam behandelter CN-1000 auch nach dreißig Jahren noch so aus, als habe er nie erfahren, daß Haut salzig und fettig sei.
Die im Vergleich zu den spuligen Geschwistern kleinen Gehäuseflächen sorgen für eine Stabilität des CN1000, die sein Gehäuse sogar noch professioneller wirken läßt, als das der Bandmaschinen. Ansonsten ist eine enge Verwandtschaft offensichtlich: Farbgebung und Design sind äquivalent, die Flachbahnregler ähnlich (TS1000) bzw. gleich (TS9x5), die Knebelschalter z.T. austauschbar. Bedien- und Anschlußkonzepte stimmen ebenso überein, wie Teile des Zubehörprogramms.

Per Knebelschalter wird der Grundig eingeschaltet. Die Beleuchtung von Kassettenfach und Aussteuerungsinstrument leuchtet einem weiß entgegen, orange die noch ruhende Bandlaufanzeige und rot die LED für den Laufwerkszustand „Stop“, die für Bandsorte und ggf. Dolby.



Hatte man vor dem Einschalten den zum originalen Lieferumfang gehörenden  „Spezialstecker“ in die Fernbedienungsbuchse gesteckt, leuchtet die LED für „Play“ anstatt für „Stop“ und die schwarze Maske vor der orangenen Bandlaufanzeige rotiert genauso, wie mindestens eines der beiden Zählwerke. Hatte man vor dem Einschalten dann auch noch die „Record“-Taste gedrückt, läuft der CN1000 nach der Stromzufuhr sofort in Aufnahmestellung und signalisiert das natürlich durch eine weitere LED.
Ob mit Zeitschaltuhr, Spielerei am Hauptschalter, oder in Folge von Unklarheiten über die Bezahlung der Stromrechnung: Wird nicht zwischenzeitlich eine andere Laufwerksfunktion manuell angefordert oder der Spezialstecker entfernt, kehrt der Grundig bei jeder erneuten Netzaktivierung in den vorherigen Laufwerkszustand (Wiedergabe oder Aufnahme) zurück; bis das Band am Ende ist.
Im Normalbetrieb wird das Gerät über elektronische Tipptasten gesteuert, Zugmagnete setzen den Befehl dann an das Laufwerk um. Zwei Besonderheiten unterscheiden den Grundig von anderen Tipptastengeräten: Erstens besitzt er eine riesengroße, langhubige Aufnahmetaste, die jedwede versehentliche Bedienung unmöglich macht. Zweitens erlauben die Tasten für schnelles Vor- und Rückspulen zusätzlich einen Dauerdruck, der das Umspulen sofort beschleunigt. Solange, bis die Taste wieder losgelassen wird. Verpennt der Tastendrücker das Bandende – wie soll der Grundig abschalten, wenn der Tastendrücker weiter drückt? - blinkt der Grundig seinen Eigentümer mit der LED an, die sonst die angeforderte Laufwerksfunktion signalisiert.
Zusätzlich bietet der Grundig eine Start-Stop, besser gesagt: Start-Pause Fernbedienung. Ein einfacher Knopfschalter am Kabel macht es möglich. Daß dieser als Fußschalter geformt ist, ist sinnvoll, wenn die Hände z.B. gleichzeitig am Mischpult bzw. Tonarmlift oder Diaprojektor beschäftigt sind. Dabei kann eine Aufnahme genauso gestartet, gestoppt und wieder gestartet werden, wie eine Wiedergabe.

Einer der wichtigen Gründe, warum ich mich im Jahre 1978 für den CN1000 entschieden hatte, war die Bandlaufanzeige. Eine hell strahlende, orangen leuchtende Lampe, vor der per Riemen an das Zählwerk gekoppelte eine Lochmaske rotiert.



Bei Wiedergabe oder Vorlauf im Uhrzeigersinn, bei Rücklauf entgegengesetzt. Bei Play und Aufnahme langsam, beim Umspulen halt schneller. Viel attraktiver, als das pulsierende Gegenstück beim Saba CD-936.
Wo ich meine damalige Motivation heute eher nicht mehr ergründen möchte, macht diese Anzeige doch durchaus Sinn! Weniger für Aufnahmen im Dunkeln (kommt aber gut), sondern eher als eindeutige Zustandsanzeige, zum Beispiel zur Beantwortung der Frage während der Radioaufnahme: Ist das Band schon zuende? Auch im Wiedergabebetrieb macht ein Recorder nicht immer Musik: Leerstelle! Oder läuft er vielleicht doch nicht? Die Bandlaufanzeige verschafft weithin sichtbar Klarheit.

Der Grundig verfügt über drei DIN-Eingänge. An der Unterseite befindet sich der kombinierte Ein- und Ausgang, mit dem das Tapedeck an den Verstärker bzw. Receiver angeschlossen wird, und der sogenannte Phono-Eingang.



Den Dragon-Jünger-Enkeln (*) sei gesagt: „Phono-Eingang“ bedeutet am Bandgerät so gut wie nie, daß hier ein Phono-Vorverstärker für Plattenspieler mit Magnetsystem (MM) eingebaut wäre! Bis weit über die Mitte der Siebziger Jahre hinaus waren Plattenspieler in den deutschen Haushalten üblicherweise noch mit Keramik- bzw. Kristall-Systemen ausgestattet, obwohl das Magnetsystem bei Elac schon lange erfunden war. Man brauchte also keinen speziellen Vorverstärker.
Der „Phono“-Eingang ist also gleichwohl ein DIN-“Hochpegel“-Eingang, an dem genauso Rundfunk-Empfänger wie Tonbandgerät angeschlossen werden könnte. Nicht viel anders ist das mit dem „Micro“-Eingang an der Vorderseite des Grundig.




Auch diese DIN-Buchse ist so ausgelegt, daß hier genauso Mono- wie Stereo-Mikrofon, wie Zuspielgerät angeschlossen werden könnten. Während sich die unteren beiden Zugänge auf dem Mischpult oben in einem Summen-Schieberegler wiederfinden, stehen dem sogenannten Micro-Eingang kanalgetrennte Flachbahnregler gegenüber.



Das ist kein Receiver- oder Plattenspieler-Rassismus, sondern Ausdruck der weiten Verbreitung von Mono-Mikrofonen, die – wenn zwei vorhanden - auf diesem Wege getrennt ausgepegelt werden könnten, oder – falls solo – das mit einer Pseudo-Stereo-Basis versehen werden könnte. Typisch Grundig: Sowohl der ausgewiesene Mikrofon-Eingang, wie auch die Radio-Buchse besitzen eine Spannungsversorgung für die sogenannten Elektret-Kondensator-Mikrophone. Im Gegensatz zum Rest der Welt betrieb Grundig die nämlich nicht mit Batterien, sondern versorgte sie über das Anschlußkabel mit Energie.
Per Quellenwahl-Schalter kann der Aufnahme-Amateur entscheiden, ob er seinen Grundig von einem der unteren oder über den vorderen Eingang füttern will. Alternativ gibt es noch den Modus „Mix“ bei dem dann zwei Zugänge aktiv werden. Spätestens hier wird die Mithör-Möglichkeit per eingebautem Kopfhöreranschluß wichtig.  Manch Dragon-Jünger-Enkel (*) wird sich fragen: Was soll die Mithör-Möglichkeit, wenn keine Hinterbandkontrolle möglich ist? Zum Beispiel im Mischbetrieb wird mit den Aussteuerungsreglern nicht nur der gesamte Pegel beeinflußt, sondern auch die Relationen der Signale zueinander, über die die Spitzenspannungsinstrumente im Zweifel keinen Aufschluß geben. Da sollte man also lieber mithören, selbst wenn auch nur vorband.
Die Aussteuerung erfolgt – im Mischbetrieb sowieso – manuell. Wer aber schnell mal eine Radiosendung mitschneiden will und keine Zeit hat, die Aussteuerung zu optimieren, der schmeißt die Automatik rein und braucht nur noch zu entscheiden, ob das mitgeschnittene Programm Sprach- oder Musik-orientiert ist. Ändert sich die Orientierung, läßt sich der Grundig während der Aufnahme verzerrungsfrei auf das alternative Programm oder auf die manuelle Aussteuerung umschalten. Die beiden Spitzenspannungsinstrumente funktionieren übrigens sowohl bei Aufnahme, wie auch bei Wiedergabe, so daß Pegelunterschiede schnell sichtbar werden. Bei Aufnahme signalisieren zusätzlich je eine LED pro Kanal das Vorhaben.



Zur Not ist der Grundig übrigens sehr schnell im Aufnahmebetrieb. Schon während des Umspulens läßt er sich vorband aussteuern. Eben noch mit „Play“ das richtige Bandstück angefahren, reicht das zusätzliche Drücken der Record-Taste und der Grundig nimmt auf. Gehe nicht über „Stop“, drücke nicht auf „Pause“...

Wer selber gerne produziert, der will das auch ordentlich machen. Lange bevor der „Assemble-Schnitt“ beim Videorecorder Thema wurde, kannte der Tonband-Amateur das Problem des sauberen Ansatzes zweier Aufnahmen aneinander. Besonders schwierig, umso geringer die Bandgeschwindigkeit. Noch schwieriger, wenn nicht nur die eigene Reaktionszeit zwischen Ohr, Hirn und Tastenfinger zu kompensieren ist, sondern auch die Reaktionszeit zwischen Drücken der Stoptaste und erfolgtem Anhalten des Bandlaufes. Soll heißen: Der übliche Kassetten-Schnitt hat Artefakte. Bei Grundig fand man dagegen eine recht einfache Lösung die zu verhindern:
Da Aufnahme und Wiedergabe per Kombikopf erfolgen, ist die Bandstelle, die man gehörmäßig per Wiedergabe ansteuert auch exakt die Bandstelle, an der man mit der Aufnahme fortsetzen könnte. Wäre nicht die angedeutete Reaktionszeit. Der Eigentümer des CN-1000 hat es da einfach: Er zieht den Kassettenfachdeckel ab und fährt danach die gesuchte Bandstelle an.



Zum Beispiel mit Hilfe des Memory-Laufwerkes (0-Stop), mit gemerkter Zählwerksstellung oder mit Hilfe des Mithörens beim Umspulen (Cueing).


Das letzte Stückchen wird per Wiedergabe rangiert. Ups, eine Sekunde zu weit. Bei einem anderen Recorder beginnt jetzt ein nervtötendes, chancenloses Vor und Zurück. Beim Grundig werden hingegen die beiden zum originalen Lieferumfang gehörenden „Handspulknöpfe“ aufgesetzt und im Cueing Betrieb das eingelegte Band manuell dorthin gespult, wohin es soll. Millimetergenau.

Der abnehmbare Kassettenfachdeckel hilft übrigens auch gut bei der Reinigung des Recorders. Noch besser hilft die zusätzlich abnehmbare Verkleidung der Bandführung. So gut sind Köpfe und Bandführung sonst nicht einmal bei einem Direct Load-Recorder zu säubern. Ums deutlicher zu sagen: Ich kenne kein Kassettengerät, das mit so wenig Aufwand gleichwertig zugänglich wäre. Auch ein Thema für die Kontrolle der Kopflage.



Und auch den Rest des Grundig bekommt man verhältnismäßig einfach auf. Und hat man ihn auf, dann erkennt man sofort: Kein Japaner drin! Soll heißen: Service-freundlich aufgebaut! Keine kurzen, gelöteten Käbelchen, die zu Tausenden die Platinen miteinander verbinden. Keine Origami-Kenntnisse von Nöten, bevor man sich an eine etwaige Fehlersuche machen kann.

Doch wo Licht ist, da ist auch... Dolby. Jedenfalls die Variante von Grundig. Auf der Tonband-CD eines lieben Forenmitgliedes ist ein Testbericht zu Grundigs Dolby-Baustein für die TS-1000 zu lesen. Freue sich, wer dafür extra Geld ausgegeben hat! Beim CN-1000 gibt es den Baustein zumindest umsonst dazu. Man kann ihn ja auch abgeschaltet lassen.
Meine frühe Dolby-Erinnerung – der Körting hatte sowas nicht – assoziiert mit dem Begriff „Rauschunterdrückung“ das pauschale Wegschneiden der Höhen. Erst der Telefunken CN750-Kompander-Baustein belehrte mich eines Besseren. Nun hat Grundig ja sowieso den Gesamtfrequenzgang des CN-1000 bei 14.000 Herz beschnitten. Vorsätzlich? Mehr macht die Kassette sowieso nicht? Man hört dann auch nichts von der Elektronik rauschen? Jedenfalls beschneidet auch im Grundig die Dolby-Schaltung den Rauschanteil. Genauso wie den „Klanganteil“.
Mein erster 1000 war übrigens ein Montags-Gerät. Das gebe ich unumwunden zu, zumal alle anderen, die ich seitdem gesehen habe, dessen typische Eigenheiten nicht aufwiesen. Man kann ja auch liebevoll von „Charakter“ reden, wenn ein Gerät ein gewisses Eigenleben entwickelt und das konsequent durchzieht. Meiner mochte die Pause-Funktion nicht besonders gerne: Drückte ich die Taste – oder auf den Fußschalter – dann hielt der Grundig manchmal sofort ... oder lief der Grundig manchmal weiter. Mal eine Sekunde, mal zehn Sekunden. Oder etwas länger. Und derweil protestierte er laut vernehmlich mit quälendem auf- und abschwellendem Quietschen ob meiner Ruhestörung. Bei Gästen, die das nicht kannten, aber auch ein Bandgerät ihr Eigen nannten, erschien sofort ein Bild von sich dehnendem Band vor dem geistigen Auge. Unterbrechen konnte man das ganze sofort mit „Stop“. Zurückspulen, rangieren, „Pause“: Quiiiieeeetsch. Er wiederholte sich gern, um dann unvermittelt zuverlässig zu arbeiten. Aber garantiert nicht lange.
Zugute halten muß ich ihm, daß er in vielen Jahren nicht eine Kassette vernichtet hat (... die es nicht verdient hätte). Stattdessen hat er zuverlässig unzählige Dia-Shows bestritten, viele Parties beschallt und sogar kurz vor meinem Abi noch eine Multivisions-Aufführung in der Schul-Aula gesteuert. Da hatte ich zwar schon einen Japaner mit Einmeß-Computer. Um Multivision-Aufführungen zu steuern war der aber zu doof. Ging dann auch bald wieder und ist eigentlich nur noch eine trübe Erinnerung. Im Gegensatz zum Grundig.

Auf der Funkausstellung im Herbst 1979 präsentierte Grundig die Nachfolge-Generation. Mit der 100mm-Serie gab es von nun an ausschließlich Frontlader aus Fürth. Aber so ein CNF-5500 ist ja auch nicht ganz schlecht. Doch das ist eine andere Geschichte...
Der CN1000 war also der Letzte seiner Art. Und das nicht nur bei Grundig.

Ausstattung:
elektrisch geregelter Gleichstrommotor
Riemenantrieb von Capstan (#07881-775.00) und Zählwerk (#07881-792.00), Reibrad-Antrieb der Bandwickel
sehr großes Schwungrad für den Capstan-Antrieb
digitale Computer-Steuerung von Laufwerk und Verstärker
Magnetsteuerung der Lauffunktionen über elektrische Tipptasten mit LED-Funktionssignalisierung, Elektronische Bandendabschaltung mit LED-Signalisierung (falls die Funktionstaste festgehalten wird), Fernbedienungsanschluß für Start und Pause
3-stelliges Bandlängenzählwerk mit Nullstelltaste, zusätzliches 3-stelliges Memonry-Zählwerk (0-Stop)
Lauffunktionsanzeige durch rotierenden Leuchtpunkt
1x Ferrit-Löschkopf (#39501-002.00), 1x Aufahme-/Wiedergabe Long-Life-Kopf (#39511-802.03), 1x Dia-Kopf für Pilotspur (#39501-349.00)
Anschlüsse: Ein kombinierter Ein-/Ausgang („Radio“) an der Geräte-Unterseite mit regelbarer Ausgangsleistung für den Anschluß am Verstärker/Receiver bzw. an ein Aufnahmegerät bzw. von Hochpegel*-Zuspielgeräten bzw. eines Mikrofon, mit zusätzlicher Stromversorgung für elektrische Kondensator-Mikrofone. Ein Eingang („Phono“) an der Geräte-Unterseite für den Anschluß von Hochpegel*-Zuspielgeräten. Ein Mikrofon-Eingang („Micro/Universal“) an der Geräte-Vorderseite mit zusätzlicher Stromversorgung für elektrische Kondensator-Mikrofone, auch für Hochpegelgeräte* nutzbar. Ein Kopfhörer-Ausgang an der Geräte Vorderseite.
Beleuchtetes Kassettenfach mit gedämpftem Kassettenlift und abnehmbarem Kassettenfachdeckel, sowie zusätzlich abnehmbare Abdeckung der Bandführung / Köpfe
Umschalter für drei Bandsorten (Fe, CrO², FeCr) mit LED Signalisierung
Dolby NR Rauschungerdrückung mit LED-Signalisierung
abschaltbare automatische Aussteuerung mit getrennten Programmen für Musik und Sprache – dabei verzerrungsfrei untereinander umschaltbar -, manuelle Aussteuerung per einzelnem (NF/Universal) bzw. kanalgetrennten (Micro) Flachbahnreglern.
Eingangswahlschalter (NF/Univ. Micro, Mix)
Eingebauter Mischverstärker, in Stellung „Mix“ ist das Mischen zwischen dem Mikrofoneingang und der Eingangsgruppe NF/Universal möglich
2x Spitzenwert Drehspulinstrumente für die Pegelanzeige bei Aufnahme und Wiedergabe, mit Aufnahme-Warn LED
Aufnahme-Vorbereitung (Aussteuern) während des Umspulens, Mithören bei der Aufnahmevorbereitung über Kopfhörer
„fliegender“ Aufnahme-Start aus Wiedergabe durch zusätzliches Drücken von „Record“ möglich
Kopfhörerverstärker kanalgetrennt regelbarer
Schaltuhrbetrieb für Wiedergabe und Aufnahme, auch mehrfach!, möglich (Spezialstecker für Fernbedienungsbuchse notwendig)
Cueing
Zusätzlicher Schnellgang beim Umspulen (durch dauerhaftes Drücken der Funktionstaste)
Eingebauter Diakopf und Diabuchse zum Anschluß eines Projektoren-Steuergerätes (z.B. Sonodia)
Bestückung: 98 Transistoren und 3 FET, 76 Dioden und 12 LED, 11 IC's und 2 Gleichrichter
Preiskategorie: DM 1.000 – 1.500,-- (lt. Fono Forum)

* „Hochpegel“-Geräte meint DIN-konforme Geräte, z. B. Plattenspieler mit Kristall- oder Keramiksystem, Tuner, Bandgeräte, Verstärker oder Receiver nach DIN-Norm

Technische Daten (bei widersprüchlichen Wert-Angaben gebe ich die der Primärquelle wieder):
4-Spur (Viertelspur international) Stereo, Bandgeschwindigkeit 4,76 cm/s
Bandentzerrung: 3180 + 70 µs für alle Bandsorten
Gesamtfrequenzgang: 30-12.500 Hz (LHS), 30-14.000 Hz (CrO² und FeCr) nach DIN 45511
Übersprechdämpfung: 25 dB bei 1kHz im Stereobetrieb
Übersprechdämpfung: 70 dB bei 1kHz im gegensinnigen Stereobetrieb
Fremdspannungsabstand (bezogen auf Vollaussteuerung, ohne/mit Dolby): 51/54 dB (LHS), 49/52 dB (CrO²), 53/56 dB (FeCr)
Ruhegeräuschspannungsabstand (bezogen auf Vollaussteuerung, ohne/mit Dolby): 58/65 dB (LHS), 56/63 dB (CrO²), 60/67 dB (FeCr)
Höhenaussteuerbarkeit: < -11 dB (CrO²)
Gleichlaufschwankungen: +/- 0,15% nach DIN 45507
maximale Abweichung der mittleren Geschwindigkeit: +/- 1,5%
AW- und Löschkopf: HF 69 kHz
Eingänge: Mikrofon (Mic: 2x 1 ... 100mV / 47 kOhm, Line: 2x 45mV ... 4,5V / 1500kOhm), Radio (2x 5 ... 200mV / 47 kOhm), Phono (2x 23 ... 920mV / 1000kOhm),
Stromversorgung für Kondensator-Mikrofon (Mittenkontakt) 27V / 6,8 kOhm an Buchse Radio und Mikro
Ausgänge: DIN (0,5-2000mV / 15kOhm), Kopfhörer (2x 3000mV / 400kOhm)
Betriebsspannung: 110-120, 220-240 Volt, 50 ... 60 Hz
Abmessungen: 455 x 107 x 266 mm / 17.9 x 4.1 x 10.4 inch
Gewicht: 6,7 kg / 236.3 oz

Quelle: HiFi-Jahrbuch 8 (c1976) und 9 (c1978), Handbuch VDRG 1977, Fono Forum HiFi-Report '77/78 Marktübersicht, Grundig Service 1979, Bedienungsanleitung 1977, Prospekt 1977

Leider kenne ich keine erprobten Meinungen Dritter über den CN-1000. Wer von Euch also einen Testbericht besitzt – oder mehrere – möge sich das Wohlwollen der Grundig-Götter sichern, wenn er ihn mir zu-mailt.

Übrigens hatte der Grundig auch noch ein kleines Geschwister.
Der CN-930 hifi Stereo Recorder sieht dem großen Bruder auf den ersten Blick recht ähnlich, ist aber kaum mehr als ein CN830 im schickeren Kleid: Das Kassettenfach ist auf die rechte Seite gerutscht, das Mischpult und die Regler für den Kopfhörer-Ausgang fehlen, die Bandlaufanzeige ebenso. Ein Memory-Zahlwerk ist genauso wenig vorhanden, wie die elektronischen Tipptasten oder der abnehmbare Kassettenfachdeckel und die Laufwerksabdeckung. Anstatt die Bandsorten per LED anzuzeigen, signalisiert ein Dreierfeld Aufnahme, Dolby und „Tape Pilot“ per LED. Der Phono-Eingang fehlt genauso, wie die Pegelschraube für den Ausgang.
All die Dinge, die den CN1000 zu etwas Besonderem machen, fehlen dem CN930 also.

(*) Ein Dragon-Jünger-Enkel ist jemand, der von seinem Opa gehört hat, daß man Kassetten nur mit einem Dragon abspielen kann, der aber nie selbst einen (funktionsfähigen) gesehen hat und sich an Kassetten bestenfalls noch zur Video-Aufzeichnung erinnert.
"Den guten Tonabnehmer erkennt man daran, daß er bei einem Auflagegewicht von höchstens zehn Gramm auch bei stärksten Bässen nicht entgleist und nicht klirrt." (Fono Forum 3/53)

aileenamegan

  • Gast
Re: Der Letzte seiner Art - Grundig CN-1000
« Antwort #1 am: Dienstag, 18.März.2008 | 08:23:16 Uhr »
Der war wirklich nicht schlecht - hatte ein Bekannter damals. Aber das Design empfand ich damals als sehr abstoßend und bieder (als Siebzehnjähriger). Ich kaufte mir dann von meinem Ferienjob-Geld einen CG330 von Uher. Zwar nicht mit den umfangreichen features, aber top im Klang.

Offline Jürgen Heiliger

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Re: Der Letzte seiner Art - Grundig CN-1000
« Antwort #2 am: Dienstag, 18.März.2008 | 10:07:02 Uhr »
Hi Matthias,

wie immer schön zu lesen und in Erinnerung schwelgen......
Ich meine mich erinnern zu können, das mein Onkel so eins mal hatte, oder gar noch hat.....
Werde mal dieser Tage dort nachforschen, vielleicht hat er ja noch Unterlagen/Tests.....
Gruß
Jürgen

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>.... die HiFi-Classiker und die Information ....<
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