Autor Thema: Reparatur eines PS-X75 Biotracer  (Gelesen 6298 mal)

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Offline m_ETUS_alem

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Reparatur eines PS-X75 Biotracer
« am: Samstag, 11.Juni.2011 | 16:35:54 Uhr »
Der Biotracer, Sony´s Idee zur elektromagnetischen Auflagekrafteinstellung.

Geschichte und Technik und Entwicklung:
Anfang der 80er kam als überarbeitete Version des PS-B80, der PS-X75 Vollautomat herraus. Mit seinen Werten wollte und konnte Sony in der Oberlega der Vinylfräsen weiter mitspielen. In diesem Gerät war fast alles automatisch. Besonderheiten waren dabei die optische Plattengrößenerkennung der Titel(ein)sprung über Tastatur und natürlich die von der Front einstellbare elektromagnetische Auflagekraft, dessen "Motor" innerhalb des Armes lag.

Der schwere Vollaluminiumteller wird vom bürstenlosen Direktantrieb innerhalb 1,5Sekunden (33 1/3UMin) bis 2Sekunden (45UMin) auf quarzgenaue Geschwindigkeit gebracht, jeweils überwacht von unter dem Teller angebrache Induktionssensoren.

Der Anlauf des Tellers war allerdings nicht an die Tonarmbewegung beim Start gekoppelt. Dies hatte aber den Nachteil, das beim Vollautomatischen Start die Geschwindigkeit erreicht werden musste bevor der Arm nach ca. 2,3Sec. aufsetzte.

Ein weiteres Problem war auch, daß die Auflagekraft des Armes abrupt einsetzte welches beim automatischen Aufsetzen normalerweise (je nach Alter und eingestellter Auflagekraft) zu einem unschönen "plapp" Geräusch führen würde, wenn da die Ingenieure nicht eine Mutingstufe eingebaut hätten, welche erst nach Laufzeit (> Aufsetzzeit des Armes) aufmachte.

Wenn dieses Gerät läuft ( und das machen leider nur noch wenige) ist es ein wunderbarer Dreher, Schön anzuschauen und mit vielen, teilweise verborgenen, technischen Rafinessen. Ein Sammlerstück für den "Jedentag_gebrauch"

Warum es nicht mehr so viele wirklich funktionierende dieser Dreher gibt, gründet eigentlich in der teilweise empfindlichen Elektronik und in den Aussagen mancher Techniker und Händler, daß man von diesem Gerät die Finger lassen sollte, da es nicht zu reparieren sei, und wenn dann nur mit sehr hohem
zeitlichen und finanziellen Aufwand.

Ein "Angstgerät" ???

Nicht wirklich, denn die Reparaturen und Einstellungen sind recht simpel, wenn man folgendes beachtet:
- Positionsaufdruck der Platinenober- und Unterseite stimmen nicht überein,
- auch zum Schatbild passen diese nicht wirklich.
- Auch Bauteilewerte und Leiterzüge stimmen nicht mit dem Schaltbild überein.
- Die im Servicemanual angegebenen Einstellwerte zum Abgleichen der einzelnen Stufen gehören auch nicht unbedingt zu diesem Dreher ( Ob das nun durch eine Revision des Prototypen zurm Serienreifen Gerät passierte oder einfach nur ein derber Sakerausch des Zeichners passierte, entzieht sich
meiner Kenntniss  prost02)

Was bedeutete das beim Ausmessen/reparieren und einstellen der einzelnen Stufen:
- Grundkenntnisse Elektronik aus der Tasche ziehen und
- Bauteilewerte und Sollangaben selbst errechnen!

Also nicht wundern, wenn im SM steht: Rx = 10K Ohm und an der Position im Gerät ist ein Widerstand mit 130K Ohm eingebaut ist.
Oder lt ServiceManual: "Adjust Sinewave aprox. 4V(ss)" steht aber der reale Wert ist ein Mischsignal aus 2 Sinuskurven wobei eine 20V(ss) und die andere 10V(ss) hat.

Bekannte Fehler an diesem Gerät:
- Verharztes Achslager des Tellers ( Verharzen ist bei Sony-Mechaniken der 80er ja leider standard  :_thumbdown_:)
- Aufsetzpunkt variiert: Einsteller verrottet (Sitzt rechts vom Arm "im Loch"  :smile )
- Benötigt zu lange um auf Geschwindigkeit zu kommen (Sensor neu einstellen und/oder OP des Wavesharpers defekt)
- Setzt beim automatischen Starten nicht immer auf (Zählerplatte unter dem Arm neu einstellen und Zählerplatte saubermachen)
- Motor dreht gar nicht beim starten (1/2H- Brücke abgeraucht)
Und oft:
- Keine Funktion (ZD im Netzteil gestorben, die gibt es aber nicht mehr, daher müssen beide Quellen umgebaut werden)
 ( Bitte beachten, daß +Ub und -Ub zueinander absolut stimmen müssen!!!)


So, nun zum Eingemachten:

Vor einiger Zeit "besuchte" mich eben dieses Gerät mit einem Blitzschaden und kpl tot  :shok:
Nachdem jede Werkstatt abgewunken hatte nahm ich mich der Sache an, es konnte ja nicht so schlim sein.

Was zuerst auffiel war die komplett zerfetzte Netzteilregelung, da war absolut nichts mehr zu retten. Also eine neue Regelung entworfen und implementiert (dabei darauf geachtet, daß +UB und -Ub laststabiel immer übereinstimmen und die restlichen vorhandenen Leiterzüge mitverwendet wurden)

Nachdem das Netzteil ging konnte man erst feststellen welche Stufen sich die Überspannung noch zum vernichten ausgesucht hatte und da waren:
- Liftelektronik des Armes
- Horizontalsensor (Armpositionserkennung)
- Auflagekraftverstellung
- Plattengrößenerkennung
- Und der komplette Antrieb ( Wavesharper des Sensors, Anlaufumschaltung, Brückentreiber und Brücke)

D.h.
- viele OP´s (die 47er kann man ohne Probeme durch 48er ersetzen)
- Elkos (welche Teilweise nicht mehr komplett da waren, man sah aber noch Füßchen  ;0008),
- Folienkondensatoren,
- einige Widerstände
(Es empfiehlt sich die R´s der Motorsteuerung durch 1%ige zu ersetzen, da die Motorregelung mit den originalen Treibern Temperaturempfindlich ist.
Wobei man die 1/2H-Brücke eh am besten gleich mit "BD" - Transistoren bestückt.
- Trimmer, da diese teilweise so verrottet waren, daß ein vernünftiges einstellen nicht mehr möglich war.
und dann noch
- das Birnchen für die Plattengrößenerkennung.

Zuletzt noch das Tellerlager gereinigt und ALLE Stufen elektrisch und mechanisch eingestellt.

Ein paar Bildchen dazu:


Der Sony PS-X75


Die doch sehr bauteileaufwendige Steuerung


Der Horizontalmotor des Armes incl Zählscheibe und Sensorplatte


Der Induktionsfeldsensor, gut durch den Teller einzustellen.


Ohne Teller. Rechts der Induktionsfeldsensor, rechts oben die optische Plattengrößen Sensorstange


Linsen in der Gummimatte


Lichtquelle der Plattenerkennung


Einmessung der elektromagnetischen Auflagekraftverstellung


Funktionstest und klar, "probehören" mit THP




Sony baute wirklich einmal technisch und optische Schönheiten
 


Fazit:
Also, wenn man ein solches Gerät haben möchte,sollte man vor dem Kauf keine Angst haben. Warnungen von selbsternannten "Profi´s", vom Kauf abzusehen sollte man kritischer betrachten. (Oder sollte man den Profi kritischer betrachten?  :_rofl_: :_55_:)

Wenn die Geräte laufen und die entsprende Nadel "dranhengt" ist das Gerät eine wahre Freude  :_good_:

Ach ja:
Diese Reparatur kostete wesentlich weniger als einen vernichteten X55er aus der Bucht, und damit auf alle Fälle Wert  :_hi_hi_:

Gewerblich